Im Adamskostüm
Der Tag war noch jung, als Wolskes Erwin, von Groß Pomeiske
kommend, die Chaussee in Richtung Neukrug entlang ging und sich an dem
vielstimmigen Vogelgesang erfreute, der überall aus Büschen
und Bäumen an sein Ohr drang. Zugleich erbaute sich sein Auge an
der bunten Wiesenlandschaft zu seiner Rechten, wo sich die Pomeisker
Mühle in eine langgestreckte Bachlandschaft schmiegte, hinter der
sich wellige Felder mit Kartoffeln, Roggen und Hafer, unterbrochen von
einzelnen Kiefernwäldern, bis an die polnische Grenze erstreckten.
Erwin, seines Zeichens Schweizer auf dem Rittergut des Grafen v.
Dürkheim in Jassen, hatte schon in der Herrgottsfrühe seinem
Kollegen auf dem Gut Herrn v. Schwerdtners einen Besuch abgestattet und
mit diesem lange darüber gesprochen, wie er am besten gegen jenes
„Rotnässen“ seiner Kühe vorgehen solle, das sich einige Tiere
beim Weiden im Wald zugezogen hatten. Bei einer halben Flasche Korn
hatte ihm Patzlaff sein Geheimrezept verraten, so daß Wolske mit
großer Zuversicht den Heimweg angetreten hatte.
Als Erwin am Krug vorbei kam, der in Neukrug direkt an der Chaussee
lag, war er nahe daran einzukehren, doch dann fiel ihm Rittmüllers
Marie ein, die er beim letzten Tanz kennengelernt hatte, die beim
Bauern Lehmann in Lupowske diente und der er einen heimlichen Besuch
abstatten wollte, deshalb entschloß er sich, keinen
Frühschoppen zu nehmen, zumal ihm der genossene Schnaps noch ganz
schön zusetzte.
Von Neukrug folgte Erwin der Bahnlinie in Richtung Station Jassener
See, die mitten im Wald lag und vor der ein schmaler Weg zum
Lehmannschen Hof am Jassener See abzweigte, den er zu nehmen gedachte.
Unvermittelt tauchte aus dem Kieferngehölz vor ihm der
kristallklare Mutschidor auf, der bis an die Bahn heranreichte und
dessen türkisfarbenes Wasser ihn bei dem herrlichen Sonnenschein
zu einem Bad einlud. Was tat es, daß er keine Badehose dabei
hatte - an diesem abgeschiedenen Ort stand nicht zu befürchten,
daß ihn jemand beobachtete oder gar an seinem Verhalten
Anstoß nahm. Erwin stieg also vom Bahndamm hinunter, zog hinter
einem Kaddickstrauch seine zertretenen Schuhe aus, legte Hemd und Hose
sorgfältig daneben und glitt gleich darauf ins erfrischende
Naß, dessen Kühle ihn wie ein Walroß aufschnaufen
ließ.
Da Wolske recht gut schwimmen konnte, kraulte er ans
gegenüberliegende Ufer und legte sich dort ins Heidekraut, dem
Gesang der Heidelerchen lauschend, die über ihm am Blauhimmel
hingen. Ganz unmerklich fielen ihm die Augen zu, und als er wieder wach
wurde, stellte er überrascht fest, daß die Sonne dem Zenit
nicht mehr fern am Himmel stand.
„Dunner Düwel ober uck!“ fluchte Erwin und machte schleunigst,
daß er wieder in den See kam. Er kraulte abermals tüchtig,
und schon wenig später stieg er triefend bei dem Kaddickbusch aus
dem feuchten Element. Dann blieb er aber wie vom Donner gerührt
stehen, denn außer seinen uralten Tretern war von seiner Kleidung
nichts mehr zu sehen. Zuerst glaubte er an einen Scherz und rief laut
nach dem vermeintlichen Unnosel, er solle ihm seine „Klamotten“
zurückbringen, „ober bitzke dalli“, doch im weiten Kiefernwald
meldete sich außer dem Raunen der Bäume nichts. Erst jetzt
fiel Erwin jene Zigeunersippe ein, die seit Wochen die Gegend unsicher
machte, und er ahnte böse Zusammenhänge.
„Wat nu ober... ?“ Er stand mit hängender Nase da und
überlegte angestrengt, wie er nach Jassen kommen könne, ohne
im Adamskostüm anzuecken. Eine befriedigende Lösung fiel ihm
aber nicht ein.
So machte er sich endlich mit den alten Schuhen als einzigen
Kleidungsstücken auf den Heimweg, peinlich darauf bedacht, keiner
Pilze- oder Beerensammlerin zu begegnen, von denen immer irgendeine im
Wald herumbiesterte. Das war besonders sonntags der Fall, also wie
heute.
Der Bahnlinie folgte er auch weiter, wenn auch nicht mehr auf dem
Damm selbst, sondern nebenher im Wald auf dem Brandweg. Zu allem
Überfluß lockte seine Blöße ungezählte
große und kleine Bremsen an, die ihn ständig umsurrten und
gegen die ausgeteilte Schläge wenig ausrichteten, denn er wurde an
Brust und Rücken übel zerstochen, so daß er bald wie
ein leibhaftiges Warzenschwein aussah.
Und dann sah er sich jäh dem Revierförster Borraß
gegenüber, der das Gestell vom Schebschen Berg herunter kam und
der ungläubig die Augen aufriß, als er den Nackedei auf
zwanzig Schritte vor sich aus dem Wald kommen sah. Ehe der kurzsichtige
Grünrock sich von der ersten Überraschung erholt und den
Feldstecher hochgerissen hatte, war Erwin längst im Kusselgewirr
verschwunden und hetzte wie ein flüchtiger Hirsch durchs
Gestrüpp, der trockenen Zweige nicht achtend, die seinen nackten
Körper gründlich zerschrammten. Ein Glück nur, daß
er die Schuhe behalten hatte, sonst hätten ihn die vielen am Boden
liegenden sperrigen Schuschken zur Verzweiflung gebracht, die bei jedem
Schritt krachten und splitterten. Borraß hinter ihm schritt an
der Bahn entlang Richtung Heimstatt, grunzende Selbstgespräche
führend, die die Schlechtigkeit der heutigen Welt zum Inhalt
hatten.
Kurz vor der Feldkante bei Lupowske ließ ein spitzer Schrei in
unmittelbarer Nähe Erwin das Blut in den Adern gefrieren.
Undeutlich sah er einen Weiberrock hinter einem riesigen Kaddick
verschwinden, danach verriet nur noch brechendes Zweigwerk den
Fluchtweg der entsetzten Pilzesammlerin.
Das hatte noch gefehlt! Bestimmt rannte die Frau jetzt nach Hause und
alarmierte das ganze Dorf. Erwin sah sich schon mit puterrotem Kopf vor
dem Gendarmen stehen, der ihn nicht nur restlos „zur Sau“ machen,
sondern auch noch wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“
anzeigen würde. Unausdenklich diese Schande, wenn der Herr Graf
davon erfuhr...
In wirren Gedanken überquerte er den Verbindungsweg von
Lupowske nach Neukrug und wurde erst stutzig, als um ihn herum
überall Grabkreuze und Denkmäler aufragten. Er befand sich
mitten auf dem Lupowsker Kirchhof, der hier still und einsam im Wald
lag. In seinen Schnellstart hinein, den der erschrockene Erwin
über die Grabhügel hinweg einlegte, gellten gleich
mehrstimmige Entsetzensschreie, die allerdings mehr an das
Geplärre von Nebelkrähen erinnerten als an menschliche
Lautäußerungen.
Wolske hatte mit seinem Erscheinen die olle Stoysche erschreckt, die
mit ihrer Nachbarin, der ollen Koschnickschen, die Gräber ihrer
verblichenen Ehemänner begossen hatte. Daß die Dorfseele in
allernächster Zeit buchstäblich kochen würde, das stand
jetzt fest, deshalb rannte Erwin noch schneller den Hang zum Jassener
See hinunter, wo er an einem einsamen Angler vorbei, der seinen Augen
nicht traute, kopfüber ins Wasser hechtete. Er schwamm ein
beträchtliches Stück unter Wasser hinaus und tauchte erst
auf, als die Doppelinsel nicht mehr fern war. Im ersten Impuls schwamm
er auf die Insel zu, besann sich dann aber, daß der Graf nicht
gerade selten mit seinen Gästen ausgerechnet auf der Doppelinsel
ein Sommerfest feierte.
„Bloß weg von hier!“ keuchte Erwin und malte sich
unwillkürlich aus, was geschähe, wenn er im Adamskostüm
mitten in die gräfliche Gesellschaft hineinplatzte. Ihn peinigten
schlimme Befürchtungen...
Er schwamm deshalb in großem Bogen an der Jugendherberge
vorbei, wo auch an diesem herrlichen Sommertag wieder eine ansehnliche
Zahl junger Leute von nah und fern dem Badesport nachging und von denen
ihm einige ein paar harmlose Scherzworte zuriefen, nach denen ihm ganz
und gar nicht zumute war. Weg, bloß weit weg...
Er umschwamm auch die große Badebucht bei Lupowske, in der nur
ein paar harmlose Kinder herumplanschten, und wurde das ungute
Gefühl nicht los, daß Bauer Herrn-Pollack, der auf seinem
Bootssteg stand und ihm nachspähte, irgend etwas von seiner Pein
mitgekriegt hatte. Trau, schau, wem...
Endlich hatte er den Ort hinter sich gelassen und atmete schon
heimlich auf, als er auf nächste Distanz „seine Marie“ gewahr
wurde, die mit ihrer Freundin Meta sonnenbadend unter Erlen am Seeufer
lag und genau so nackt war, wie Gott sie geschaffen hatte. Gleich
gesellt sich ja gern zu gleich, aber nicht in diesem Fall, denn Erwin
machte, daß er schleunigst weiter kam. Zum Glück wurden die
laut kreischenden Mädchen ihn erst gewahr, als sie ihn nicht mehr
erkennen konnten.
„Son ull Schwin!“ hörte er sie schimpfen. „Nee, wat et
hüttodog doch för Schubiaks gewe deit...“ Das Weitere
hörte Erwin nicht mehr, weil er abermals untergetaucht war.
Ein Stück vor Lehmanns Abbau schwamm er wieder auf das Ufer zu,
das an dieser Stelle menschenleer war, so daß Erwin sich mit
letzter Kraft unter die Erlen schleppen konnte. Von dort aus
argwöhnte er eine ganze Weile umher und pirschte sich endlich an
eine Wildscheuche heran, die unweit in einem Katoffelfeld stand. Ohne
Zaudern“ entkleidete“ er die Scheuche und streifte die zerschlissenen
Sachen an, froh darüber, daß auf dem Holzkreuz auch noch ein
alter Hut thronte.
Niemand beschreibt seine Erleichterung, als seine Blöße
endlich wieder bedeckt war. Jetzt erst fühlte er sich wieder als
Mensch und durfte es auch sein. Es störte ihn auch nicht
besonders, als ihm auf der Jassener Brücke das Lehrerehepaar
begegnete, das ihm absonderliche Blicke zuwarf und das seinen
höflichen Gruß nur knapp erwiderte. Mochten sie von ihm
denken, was sie wollten - immerhin sind abgerissene Kleider besser als
gar keine.
Erwin gelangte auf Umwegen in seine Wohnung, wo er seine besten
Sonntagskleider anzog und die Scheuchenkleider im Ofen verbrannte. In
den nächsten Tagen verfolgte er mit unguten Gefühlen die
große Aufregung, die seit Sonntag in Lupowske herrschte, weil
dort „irgend so´n Rübenschwein splitternackicht im Busch“
die Frauen erschreckt hatte. Bei solchen Reden schwor Erwin sich, nie
wieder ohne Badehose zu baden, mochte der See auch noch so abgelegen
sein.
E-mail: arrendator@kreis-buetow.studienstelleog.de
© Klaus-Dieter Kreplin, zum Nordhang 5, D-58313 Herdecke 2004